Magdeburg
Aus der Uni zur eigenen Firma: Der Sprung ins Startup
Jan Bargel
Was als Einfall in einem Seminar begann, ist heute ein Unternehmen mit internationaler Strahlkraft: SOLAR MATERIALS recycelt Solarmodule fast vollständig. Doch der Weg dahin war kein leichter – und bringt selbst heute noch unerwartete Herausforderungen mit sich.

Von Alina Bach
Magdeburg. Stell dir vor: Du hast gerade dein Studium abgeschlossen und bist schon Chef deiner eigenen Firma. Nur wenige junge Menschen wagen diesen Schritt – doch Jan Bargel gehört dazu. Gemeinsam mit Jan-Philipp Mai gründete er das Startup Solar Materials das seit 2024 im Magdeburger Industriehafen Solarmodule in ihre Bestandteile zerlegt – also recycelt.
Kennengelernt haben sich die Gründer 2020 während eines Seminars an der Technischen Universität in Braunschweig. Mit damals 25 kam die Idee. Denn: Das Recycling von Solaranlagen ist ein „Riesenproblem“, erklärt Bargel. 100.000 Tonnen kaputter und ausgedienter Solarzellen landen aktuell pro Tag auf dem Markt. Und ein Großteil davon wird als Ganzes geschreddert. Die Einzelbestandteile können nur kaum bis gar nicht wiederverwendet werden.
Revolution auf dem Solarmarkt
Nicht aber bei Solar Materials. In einem aufwendigen, fast komplett automatisierten Prozess werden im Industriehafen an der Elbe die Paneele in die einzelnen Bestandteile zerlegt. Übrig bleiben: Silizium, Silber, Aluminium und Glas sowie das Kupfer der Kabel. Fast 100 Prozent der Materialien können wiederverwendet werden.
„Es ist eine rückwärts laufende Produktion“, erklärt Jan Bargel. Bis zu 14.000 Tonnen im Jahr werden durchschnittlich in Magdeburg recycelt. Bis zur Umsetzung im eigenen Unternehmen hat es jedoch einige Zeit gedauert.
„Es gibt keine Checkliste zum Abhaken“, sagt Jan Bargel. Der heute 30-Jährige kann vor gut fünf Jahren nicht nach dem Motto vorgehen: „Erst brauchen wir das, dann machen wir das und jetzt das“. Das funktioniere beim Gründen nicht. Je nach Art, Größe und notwendigen Investitionen müsse man sich auch andere Fragen stellen.
„Welche Anwälte benötigen wir?“ „Wie sprechen wir mit Kunden?“
Ein guter Rat: Netzwerke für Gründer hilft
Einen Rat, an vor allem junge Menschen, den Jan Bargel gerne vorher gehabt hätte: „Den Kontakt zu anderen Gründern und Gründungsnetzwerken suchen“. Es gebe viele Förderprogramme für Startups, die müsse man erstmal kennen. Hier hatten sie den Vorteil, dass Jan-Philipp Mai in dem Bereich ein gewisses Knowhow mitbrachte, da er zuvor schon gegründet hatte.
Vom Land Sachsen-Anhalt wird das Unternehmen gefördert, in Magdeburg finden sie nicht nur die geeignete Fläche, sondern liegen auch in bester Lage zu Abnehmern der recycelten Rohstoffe.
Doch auch nach der Gründung von Solar Materials gibt es immer wieder Momente, in denen die Geschäftsführer merken: „So einfach ist das nicht“. Viele Dinge laufen sehr langsam und sind nicht immer logisch. Die Programme, die Greifarme – alles haben Jan und seine Mitgründer selbst entwickelt.
Stück für Stück nehmen die mechanischen Arme die Solarmodule wie ein Sandwich auseinander – eine Maschine für jeden Schritt.
Voll automatische Produktion
Zuerst wird die Platte in die Anlage gehoben, dann werden Aluminium-Rahmen, Anschlussdose und Kabel abgetrennt. An den Robotern befinden sich Kameras, um den Prozess noch genauer steuern zu können.
Nur einen manuellen Arbeitsplatz gibt es in der Anlage. Hier müssen Mitarbeitende entscheiden, ob das Glas der Solarzelle gebrochen oder intakt ist und die Teile anschließend zur Weiterverarbeitung geben.
Ansonsten sind die Arbeiter zur Überwachung der Prozesse zuständig. „Auch wegen der Ergonomie“, erklärt Bargel. So ist die Arbeit weniger körperlich anstrengend und beugt Überlastungen vor.
Derzeit werden knapp 1.000 Solarmodule pro Tag recycelt. Diese stammen aus Solarparks aus ganz Deutschland. Denn: Es gibt knapp 130.000 verschiedene Module auf dem Markt. Zwar sei die Anlage flexibel, sodass verschraubte und verklebte Module in verschiedenen Größen und Zusammensetzungen recycelt werden können. Um die größtmögliche Rohstoffausbeute zu garantieren, bedarf es jedoch circa 500 Module, bis die Greifer richtig ausgerichtet seien. Daher sind vor allem Solarparks die Kunden von Solar Materials.

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Von Magdeburg in die Welt: Neue Standorte öffnen
In Magdeburg lagern bis zu 400 LKW-Ladungen an Solarzellen aus Parks. Bargel ergänzt, dass die Anlage noch vergrößert werde. Dann können bis zu 3.500 Solarzellen pro Tag recycelt werden. Täglich werden mehr als 20-mal so viele zum Schreddern in den Markt gegeben.
Deshalb wollen die Gründer expandieren. Zunächst nach Italien, wo sie bereits im Jahr 2026 einen neuen Standort eröffnen. „Nach Deutschland befindet sich in Italien der größte Absatzmarkt für Solarpaneele“, heißt es von Solar Materials.
Doch nicht nur in Europa wollen die Freunde Fuß fassen. Auch in China, Indonesien, Indien und Australien haben die Gründer des Magdeburger Unternehmens bereits Gespräche gehabt. Global gesehen wollen sie mit Lizenzen arbeiten.
© Fotos: Solar Materials





