Anhalt Dessau
Eine Ornithologin auf zwei Rädern
Luisa Höppner
Ob Wiedehopf, Eisvogel oder Bienenfresser – sie alle hatte Luisa Höppner schon vor der Linse. Die 23-Jährige aus Aken an der Elbe ist nicht nur geübt darin, die gefiederten Tiere zu fotografieren, sie kennt sich in der Welt der Vögel auch richtig gut aus.

Von Ria Michel
„Eins meiner Highlights war mal eine Schmarotzerraubmöwe“, erinnert sich Luisa Höppner. Der Name kommt von dem arttypischen Verhalten, anderen Seevögeln die Beute zu stehlen. Heimisch seien die Zugvögel in Mitteldeutschland nicht, weiß die Studentin, eher an Küstengebieten wie etwa in Skandinavien. Sie vermutet, dass der Vogel, den sie in ihrer Heimatstadt Aken an der Elbe fotografiert hat, wohl gerade auf der Reise von Italien aus nach Norden gewesen sein muss. Auch von einer Begegnung mit einem Neuntöter und einem Habicht, der mit einem Silberreiher gekämpft hat, berichtet sie stolz.
Von der Schmarotzerraubmöwe bis zum Eisvogel
Die 23-Jährige hat nicht nur bis vor Kurzem Lehramt in den Fächern Sport und Biologie studiert. In ihrer Freizeit ist sie auch als Ornithologin und Fotografin unterwegs. Ihre liebsten Motive sind – wenig überraschend – Vögel aller Art. Auf der Suche nach den scheuen Tieren immer mit dabei: ihre Sony A73, außerdem ein Objektiv mit einer Brennweite von 200 bis 600 Millimetern, das für das Fotografieren in der Natur unverzichtbar ist.
Liegt man mit der Kamera auf der Lauer, müsse man vor allem Geduld mitbringen. „Es kann sein, dass ich drei Stunden lang warte und nichts passiert“, erklärt sie. „Sonst bin ich eigentlich nicht sehr geduldig, aber wenn ich mit der Kamera unterwegs bin, geht es eigentlich“, meint die junge Expertin weiter. Außerdem müsse man sich manchmal schon sehr früh auf die Suche machen. Der frühe Ornithologe fängt den Vogel, sozusagen.
Unterwegs mit Kamera und Fernglas
„Ich kann gar nicht genau sagen, wie das Ganze angefangen hat“, versucht sie sich an ihren Einstieg in die Vogelkunde zu erinnern. Von ihren Eltern habe sie das Interesse an der Ornithologie jedenfalls nicht. Diese hätten keinen engeren Bezug zum Thema und seien obendrein schwer für das Steckenpferd ihrer Tochter zu begeistern. „Doch den ein oder anderen Vogel erkennen sie mittlerweile schon“, meint sie schmunzelnd.
Luisa Höppner weiß nur, dass sie schon immer gerne Tierdokumentationen geschaut hat. Doch die Leidenschaft für den Zweigbereich der Zoologie kam erst mit dem Beginn ihres Studiums in Jena vor gut fünf Jahren. Das erste Staatsexamen absolvierte sie vergangenes Jahr in der Regelstudienzeit – wie nur wenige Studenten.
Manchmal wünscht sie sich, dass sie ihrem Interesse schon eher nachgegangen wäre. Sie fragt sich, wie viel umfangreicher ihr Wissen in diesem Fall heute wohl wäre. Doch die 23-Jährige hat großen Spaß am Dazulernen – und dass bei jeder Erkundungstour. Was das Aussehen und den Gesang der Vögel betrifft, kenne sie sich schon recht gut aus. Doch was etwa die Artenbestimmung anhand von Eierschalen angeht, habe sie noch einiges zu lernen.

Bike & Bird und Helgoland
Ihr Wissen behält sie allerdings nicht nur für sich. An der Uni organisierte sie mehre Vogelstimmenexkursionen mit Studenten. Und auch in der Heimatstadt, in die sie während des Studiums trotz vier Stunden Fahrt mit Bus und Bahn immer gerne zurückkehrte, will sie ihr Wissen mit ihren Mitmenschen teilen.
Bei ihren „Bike & Bird“-Touren lädt Luisa Höppner Interessierte dazu ein, mit Fahrrad, Fernglas und Kamera auf die Suche zu gehen – mal nach der Nachtigall, mal nach der Feldlerche und auch nach dem seltenen Eisvogel. „Vor etwa dreieinhalb Jahren habe ich einfach bei der Stadtverwaltung angefragt“, erzählt sie. Und die war direkt begeistert von ihrem Konzept. Seitdem ist sie regelmäßig mit etwa 10 bis 20 Teilnehmern unterwegs durch den Wulfener Bruch, den Lödderitzer Forst oder entlang der Osternienburger Teiche. Bei den Radtouren kann sie all ihre Interessen vereinen – Ornithologie, Fotografie und Sport – und obendrein Interesse für all diese Dinge in anderen Menschen wecken.
Aufhören will die Nachwuchs-Ornithologin mit ihren „Bike & Bird“ Touren zwar noch nicht, allerdings legt sie gerade eine Pause ein. Denn bevor es für die angehende Lehrerin mit dem Referendariat und dem zweiten Staatsexamen weitergehen soll, erfüllt sich die 23-Jährige noch einen kleinen Traum. Seit September vergangenen Jahres absolviert sie einen Bundesfreiwilligendienst auf Helgoland – eine „1-A-Adresse“ für Vogelbeobachter, wie sie weiß. Für sie ist es unter anderem eine Möglichkeit, Arten zu beobachten, die in Mitteldeutschland nicht gerade heimisch sind.
Ein ganzes Jahr lang wird sie dort dem Verein „Jordsand“, der sich für den Schutz der Natur und vor allem von Seevögeln einsetzt, unter die Arme greifen. Bereits im Winter 2024 bewirbt sich die Studentin für einen Platz. Dass es gleich beim ersten Anlauf klappt, hat sie unglaublich gefreut. „Ich arbeite gern mit Menschen und gebe mein Wissen dabei weiter“, meint sie. Auch in ihrer zukünftigen Rolle als Lehrerin hat sie das Ziel, die Schüler mit ihrer Leidenschaft anzustecken – „Und wenn ich das auch nur bei einem schaffe, dann fände ich das schon sehr schön“.
© Fotos: Ria Michel, Marc Günther/race.dayshots


