Anhalt Dessau
Vom Köthener Hobbyzocker zum WM-Teilnehmer - Levy Finn Rieck lebt den E-Sports-Traum
Levy Finn Rieck

Juliane Graichen, Projektleiterin
Foto: Denny Kleindienst
Vor vier Jahren machte er noch ein Freies Soziales Jahr in der Förderschule in Köthen – heute kämpft Levy Finn Rieck bei der größten E-Sports-Veranstaltung der Welt um ein Viertelmillionen-Preisgeld. Sein Weg an die Weltspitze ist bemerkenswert. Dennoch bleibt der RB-Leipzig-Gamer bodenständig.
Von Ullrich Krömer und Julius Lukas
Köthen/Leipzig/MZ. - Die Ausmaße sind gigantisch, wie alles, was sie auf der Arabischen Halbinsel an Sportveranstaltungen auf die Beine stellen. Über sieben Wochen hinweg fand im Sommer 2025 in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad die größte E-Sports-Veranstaltung der Welt statt. Der millionenschwere E-Sports-World-Cup wird auch als Olympiade in der Wüste bezeichnet, weil alle großen Disziplinen der E-Sports-Welt an einem Ort ihre WM-Titel ausspielen. 2.000 Spieler ermitteln in 25 Games ihre Champions – mehr als 70 Millionen US-Dollar Preisgeld sind ausgelobt. Zentraler Bestandteil sind die virtuellen Fußballer, die im Spiel EA FC 2025 um den Titel zocken.
Mittendrin bei diesem Spektakel ist auch ein junger Mann aus Köthen: Levy Finn Rieck. Im vergangenen Jahr wurde er bereits Deutscher Meister im Einzel und im Team mit den E-Sportlern von RB Leipzig. Der 23-Jährige hat es unter die besten 32 Spieler der Welt geschafft. „Ich weiß, dass die Konkurrenz extrem groß ist. Aber ich weiß auch, dass ich an guten Tagen auch in diesem Feld alle schlagen kann“, sagt der Sachsen-Anhalter. Vor allem aber genieße er es, bei der Gaming-Messe in der arabischen Glitzerwelt mit Botschaftern wie Cristiano Ronaldo überhaupt dabei zu sein. „Es fällt mir schwer, Druck auf mich selbst aufzubauen, weil allein die WM-Teilnahme ein riesiges Privileg ist und innere Dankbarkeit in mir auslöst“, sagt der Gamer.
Trotz Profi-Karriere ein Heimatverbundener „Ur-Köthener“
Manchmal, sagt Rieck, müsse er sich schon zwicken, wenn er darüber nachdenkt, welchen Verlauf sein Leben in den vergangenen Jahren genommen hat. „Vor vier Jahren habe ich noch an der Förderschule in Köthen mein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht“, denkt er zurück. Damals sei sein endgültiger Durchbruch in diesem Sommer mit den beiden Deutschen Meistertiteln und der WM-Teilnahme „noch in sehr weiter Ferne“ gewesen. Nun hatte er bereits die Ehre, sich in das Goldene Buch seiner Heimatstadt einzutragen. Rieck bezeichnet sich selbst als „Ur-Köthener“ und sagt heimatverbunden: „Köthen ist noch immer der Mittelpunkt meines Lebens.“
Dass es der Absolvent des Ludwigsgymnasiums aus der Bachstadt in wenigen Jahren bis in die Weltspitze schaffte, ist bemerkenswert. Gerade, weil er anders als etwa sein bisheriger Teamkollege und WM-Gruppengegner Anders Vejrgang – der gerade ankündigte, RB Leipzig zu verlassen – nie als Wunderkind der Szene galt und bis zu seinem Abitur 2020 nicht häufiger zockte als andere konsolenbegeisterte Jugendliche. „Von zehn bis 18 war das ein reines Hobby“, berichtet er. Er sei zwar „schon besser als meine Freunde“ gewesen, „aber eine Profikarriere stand lange Zeit nicht zur Debatte“.

VBL Grand Final by WOW, 27 04 2025 Levy Finn Rieck RBLZ levyfinn , RB Leipzig with the championship trophy VBL Grand Final by WOW
Talent an der Konsole sollte man fördern - „aber alles in Maßen“
Rückblickend sei das der richtige Weg gewesen. „Es bringt nichts, als Jugendlicher zehn Stunden auf Teufel komm raus zu spielen. Wichtig ist der Spaß, den man dabei entwickelt, und das Spiel nicht so verbissen zu sehen“, betont Rieck. Die Förderung von Kindern und Jugendlichen an der Konsole „sei ein schmaler Grat“, sagt er. „Man sollte gerade zwischen zwölf und 18 Jahren nicht den ganzen Tag zocken, sondern auch rausgehen, Freunde treffen und anderen Hobbys nachgehen. Wenn Kinder und Jugendliche Talente an der Konsole entwickeln, sollte man das fördern – aber alles in Maßen.“
So macht es den Mann mit den lockigen Haaren und der Brille auch selbst als Typen aus, dass er keineswegs dem Klischee des blassen Gaming-Nerds entspricht, der selten die Sonne, sondern vor allem künstliches Monitorlicht sieht und sich ungesund ernährt. „Ich finde nicht nur in meiner virtuellen Welt statt, wenn ich mit Familie und Freunden spreche, geht es um ganz normale Themen“, erzählt er.
Zudem habe er vielseitige Interessen, nahm lange Gitarrenunterricht, hat einen festen Freundeskreis in Köthen und spielte selbst aktiv Fußball beim Cöthener FC Germania und später in Reppichau. „Fußball war schon immer ein riesiger Bestandteil meines Lebens – auch der echte Fußball“, sagt er. „Da kam das Zocken als Hobby ganz automatisch dazu.“
Levy Finn Riecks Spielerpass liegt beim Kreisklasseverein
Aktuell liege sein Spielerpass beim Kreisklasseverein SV Blau-Weiß Baasdorf. Doch während der Gaming-Saison absolviert er keine Punktspiele. Das Verletzungsrisiko an Händen oder Fingern sei zu groß. „Da will ich so wenig Risiko wie möglich eingehen“, betont er. Als Ausgleich zu seiner vor allem sitzenden Tätigkeit läuft der Wahl-Leipziger regelmäßig und hat auch schon einen Halbmarathon absolviert. „Das hilft mir, im Kopf freier zu werden“, sagt er.
Seit Rieck im Dezember 2020 bei einem Turnier von Hansa Rostock gescoutet wurde, begann sich sein Leben grundlegend zu wandeln. Ab Oktober 2021 begann er nicht nur ein Lehramtsstudium in Rostock, sondern auch als E-Sportler bei Hansa. Sein Einstieg in die Welt der Profis. „Bei mir kam das alles ein bisschen später. Ich habe es bis jetzt jedes Jahr geschafft, das Jahr zuvor zu übertreffen“, berichtet er nicht ohne Stolz.
Bei Hansa spielte er sich unter semiprofessionellen Bedingungen ins Rampenlicht und bekam 2023 einen Vertrag bei den Leipziger Gamern, den sogenannten RBLZ. Aus dem Talent, das an Titeln schnupperte, aber immer knapp daran vorbeischrammte, wurde ein Gewinner. „Man kommt in ein Wahnsinnsumfeld. Meine Teamkollegen waren und sind Weltmeister. Da bedurfte es eines Umdenkens bei mir“, erzählt er über den Wechsel.

Als Botschafter seiner Stadt durfte sich Levy Finn Rieck im Juli im Beisein von Oberbürgermeisterin Christina Buchmann (Die Linke) ins Goldene Buch von Köthen einschreiben.
Spielstile bei EA FC 2025 - defensivstark und kreativ
Die E-Sportler des Red-Bull-Klubs sind Vollprofis und trainieren etwa drei bis fünf Stunden täglich. Hinzu kommen zahlreiche Unterstützungsangebote. So nahm Levy Finn Rieck in seinem ersten Jahr auch die sportpsychologische Hilfe eines Mentaltrainers in Anspruch, um Titelreife zu erlangen. „Es war bezeichnend, dass es bei mir auf den letzten Metern nie so richtig gereicht hat“, berichtet er. „Ich habe gelernt, noch lockerer mit diesen Situationen umzugehen und das gar nicht so sehr als Druck anzusehen.“ Der Rest komme von allein.
Wie die echten Fußballstars gibt es auch bei den E-Sportlern verschiedene Spielertypen. „Ich bin bekannt dafür, gut in der Verteidigung zu sein und gleichzeitig offensiv sehr kreativ zu spielen“, sagt der Ausnahmespieler. Etwa zehn verschiedene Moves – also Tastenkombinationen – muss er am Controller im Schlaf beherrschen. Doch das können auch andere. „Den Unterschied machen aus meiner Sicht die mentalen Fähigkeiten – nicht nur schnell, sondern auch richtig zu entscheiden“, sagt er. Wie ein Schachspieler müsse er „immer im Voraus wissen, was mein Gegner plant, und gleichzeitig für ihn unberechenbar bleiben. Darauf kommt es am Ende an.“
Auch bei der WM in Riad, bei der er mit seinem Teamkollegen Anders Vejrgang, dem aktuellen Weltmeister, sowie zwei starken Spielern aus Italien und Marokko eine anspruchsvolle Gruppe erwischt hat. „Da geht es zuerst einmal darum, durchzukommen – und dann ist in der K.-o.-Phase alles möglich“, sagt er. Dem Gewinner winken 250.000 US-Dollar Preisgeld. „Das darf man auch nicht außer Acht lassen – das ist ja durchaus eine lebensverändernde Summe“, räumt Levy Finn Rieck ein. Doch er ist geerdet genug, um nicht abzuheben. Seine Heimat mit Familie, Freunden und seinem Umfeld bei RB Leipzig bilden ein stabiles Fundament für weitere Titel-Höhenflüge – vielleicht ja schon beim Turnier in Saudi-Arabien.
© Fotos: Ute Nicklisch, IMAGO/Beautiful Sports/Henrichs

