Anhalt Dessau
Meister der Motoren
Chris Maurice Richter
Ein Praktikum brachte Chris Maurice Richter eher zufällig in die Autowerkstatt, wo der heute 26-Jährige seine Berufung fand. Nun gehört der Kfz-Techniker zu den Besten seines Fachs. Dennoch will er Angestellter bleiben.

Von Julius Lukas
Raguhn-Jeßnitz - Zwei oder vier Räder – vor dieser Entscheidung stand Chris Maurice Richter. Eigentlich, erzählt er, wollte er das Praktikum, das während seiner Schulzeit anstand, in der Zweiradmechanik machen. „Ich hatte schon an Motorrädern rumgeschraubt, fand das spannend.“ Seine Praktikumsstelle jedoch hatte bei den Zweirädern zu wenig Platz. Deswegen steckte sie den Schüler einfach zu den Autos. „Dort hat es mir dann aber auch gefallen – und ich bin dabei geblieben“, sagt Richter.
Aus dem Zufall wurde für den heute 26-Jährigen eine glückliche Fügung. Denn der Abiturient aus Raguhn-Jeßnitz fand in der Kraftfahrzeugtechnik seine Berufung. Und die hat ihn jetzt bis zum Meister geführt – zum Besten seines Fachs im Süden Sachsen-Anhalts.
Anfang September 2025 wurde Richter für seine Leistungen bei der Meisterfeier der Handwerkskammer Halle (HWK) geehrt – ebenso wie 145 weitere Absolventen verschiedenster Meisterkurse. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zahl der Meister dabei leicht gesunken. 2024 erreichten noch 165 Handwerker diesen höchsten Rang. Langfristig betrachtet waren es jedoch schon einmal deutlich mehr. So erhielten vor zehn Jahren noch 230 Meister im südlichen Sachsen-Anhalt pro Jahr ihren Brief. Anfang der 2000er Jahre waren es sogar mal 350.
Keine Bäcker und Fleischer
Die kurzfristige Schwankung gegenüber 2024 sei laut HWK aber durchaus normal. So spiele es eine Rolle, wie viele Handwerker aus anderen Bundesländern sich für Sachsen-Anhalt entscheiden, weil etwa die Kurse zu einem günstigen Zeitpunkt beginnen oder auch preiswerter sind. Zudem gibt es bei der Meisterausbildung Konzentrationen. So sitzt die Prüfungskommission für die Hörgeräteakustiker in Sachsen-Anhalt, was die vielen Absolventen erklärt. Bäcker oder Fleischer hingegen werden andernorts geprüft.
Bei Chris Maurice Richter folgte der Weg zum Meister keineswegs einem langfristigen Plan. „Das hat sich eher so entwickelt“, sagt der Schrauber. Weil er mit seinem Vater bereits an Autos und Motorrädern gebastelt habe, habe er nach dem Abitur erst einmal eine Ausbildung begonnen. „Ich wollte etwas in der Tasche haben, studieren wäre ja auch später noch möglich gewesen.“
Wie sich zeigte, hatte Richter Talent. „Ich habe sehr davon profitiert, dass ich gute Lehrmeister hatte, die ich immer fragen konnte und die mir auch viel zugetraut haben“, erzählt der Techniker, der im VW-Autohaus Feser-Heise in Dessau-Roßlau arbeitet. Seine Lehre absolvierte er als Bester seiner Profession in ganz Sachsen-Anhalt. „Deswegen durfte ich 2022 nach Frankfurt zu den Deutschen Meisterschaften fahren.“
Bei dem bundesweiten Wettbewerb müssen Motorenteile vermessen, Fehlerursachen gefunden und ein Elektroauto repariert werden. „Die Prüfer wollen sehen, dass man sich im System Auto auskennt und logisch an die Aufgaben herangeht“, erzählt Richter, für den die Wettbewerbssituation unbekannt gewesen sei. Am Ende landete er im Mittelfeld. „Für mich ist das Ansporn“, sagt der 26-Jährige. „Diejenigen, die dort die vorderen Plätze belegt haben, haben ja auch nur zwei Hände zum Arbeiten und einen Kopf zum Denken – irgendwas müssen die also besser machen, und das will ich auch können.“
Dieser Drang zur Weiterentwicklung und seine Wissbegierigkeit halfen ihm auch während des Meisterkurses. Den konnte er überhaupt nur machen, weil Richter wegen seiner guten Ausbildungsergebnisse ein Stipendium bekam. „Die 10.000 bis 12.000 Euro, die das normalerweise kostet, hätte ich so frisch nach der Lehre nicht gehabt.“
Kaufmann oder Handwerker
Der Meisterkurs habe ihm viel abverlangt, sagt Richter: „Vor allem der kaufmännische Teil war heftig.“ Buchhaltung, Bilanzen, Steuern, Rechnungswesen – das gehört zur Ausbildung dazu. „Entweder man ist Handwerker oder man ist Kaufmann – beides zusammen ist schon anspruchsvoll.“
Er selbst, sagt Richter, wolle erst einmal Handwerker bleiben. In eine Selbstständigkeit mit eigener Werkstatt zieht es den jungen Meister aktuell nicht. „Das wäre mir derzeit einfach zu unsicher, und ich müsste ja auch am Anfang viel Geld in die Ausstattung investieren und hätte Verantwortung für meine Mitarbeiter.“
Zudem erfülle ihn sein aktueller Job – auch weil er regelmäßig spannende Fälle bereithalte. „Gerade erst hatte ich einen VW Caddy, der nicht startete.“ Nach stundenlanger Fehlersuche habe er dann festgestellt, dass der Kupplungspedalschalter trotz korrekter Messwerte kaputt war. Nach dem Austausch fuhr der Wagen wieder. „Dieser Fehler war mir zuvor noch nie begegnet“, sagt Richter. Das mache seine Arbeit aber auch aus. „Hier ist kein Tag gleich – und das macht die Arbeit so spannend.“
© Fotos: Julius Lukas

