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  Magdeburg  

Von der Bühne ins Watt

Virginia Lauckert

Virginia Lauckert tauschte die Gitarre gegen eine Kamera: Nachdem die Magdeburgerin jahrelang als freiberufliche Musikerin gearbeitet hat, entscheidet sie sich, Kamerafrau zu werden. Wie sie zu der Entscheidung kam und wie die Grenzen von „brotloser“ Kunst und Sinnhaftigkeit verschwimmen.

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  Von Saskia Fischer  

Was ist Musik ohne Resonanz? Die Frage stellte sich auch die studierte Jazz-Gitarristin, Virginia Lauckert, an einem Konzertabend als ihre Band größer war als das Publikum. Sie trat damals, 2022, mit ihrem Sechstett in Hannover auf. Sechs Personen auf der Bühne – fünf im Publikum. So frustrierend der Moment war, so lebensverändernd entwickelte er sich. Von da an entschied sich die damals 27-Jährige endgültig für einen Neuanfang: Von der Musik- in die Filmbranche. Der Tropfen brachte das Fass zum Überlaufen – gefüllt war es aber schon vorher mit einer verzwickten Bandgeschichte, Corona-Auflagen und einer freiberuflichen Anstellung bei einem Orchester. Mittlerweile hat sie nicht nur einen Bachelor of Music, sondern auch ein Diploma  für Digitale Filmproduktion.

Turbulente Bandgeschichte

Virginia Lauckert wirkt jung geblieben. Sie erzählt von sich, dass sie immer noch regelmäßig beim Kaufen von Alkohol nach dem Ausweis gefragt wird. Vielleicht gute Gene, vielleicht die Abwechslung in ihrem Leben: Mit 30 Jahren hat sie teilweise turbulente Zeiten hinter sich, angefangen mit dem Aufstieg und Fall der Band „Anspielung“, die regional erfolgreich war – bis hin zu Deutschlandtouren mit einem Orchester. Doch wenn sie von ihrem Leben spricht, schwappt Begeisterung auf den Zuhörer: Virginia ist motiviert, etwas bewegen zu wollen. Dem konnte die Arbeit als Berufsmusikerin aber nicht mehr gerecht werden. Die erste Band löste sich auf wegen persönlicher Differenzen. Später, mit ihrem Sechstett, war es schwer, ganze Konzerte zu finanzieren.

Anti-Ehrgeiz in Männerdomäne

Ihre Motivation und ihren Idealismus konnte auch der mal mehr und mal weniger ausgeprägte Sexismus in den Branchen nicht ausmerzen. „Es gibt ja in jeder Branche ein paar Spezialisten, die einem das Leben schwer machen“, erzählt sie. Virginia ist davon überzeugt, dass man gerade in der Musik- und der Filmbranche eine dicke Haut als Frau braucht. Während des Jazzstudiums, schätzt sie zirka fünf Prozent Frauen in den Bandprojekten. Den ersten Dämpfer bekam sie schon bei der Aufnahmeprüfung an der Hochschule: „Machen Sie doch lieber Musik auf Lehramt. Als Frau hat man im Jazz keine Zukunft“, prophezeite einer der Dozenten.

 „Ich habe dann eine Art Anti-Ehrgeiz entwickelt“, sagt Virginia. Mit dem Vorsatz, jetzt erst recht zu zeigen, dass sie es kann, zog sie ihr Jazzstudium erfolgreich durch und arbeitete auch danach noch in der Branche. Zum Schluss war es die Coronapandemie, die die Berufsmusikerin gebremst hat. Angesichts ausfallender Konzerte und ungewisser Einnahmen, war es letztendlich nicht der Sexismus, der sie in die Filmbranche brachte, sondern die Einbußen als Musikerin.

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Geige und Dokus

„Manchmal frag ich mich schon, wie es wäre, hätte ich einfach mit 18 eine Ausbildung gemacht“, erzählt sie. Aber vielleicht wäre es ihr dann auch zu langweilig geworden. Und wahrscheinlich gäbe es dann auch weniger Musik in ihrem Leben – denn selbst, nachdem sie sich für den Karrierewechsel entschieden hat, wird die Musik immer eine Rolle in ihrem Leben spielen, wie sie erzählt. Seit ihrer Kindheit spielte sie Geige, doch war sie schon fasziniert von Dokus. „Nach dem Geigenunterricht sind mein Vater und ich immer in die Stadtbibliothek gegangen“, erinnert sich Virginia, „dort haben wir uns eine Doku ausgeliehen.“ Am liebsten schaute sie Dokumentationen über die Natur und Tiere. Bis heute ist es für die Musikerin eine Art, aus dem Alltag rauszutreten und das große Ganze zu sehen.

Dreh mit vollem Einsatz

Mittlerweile hat sie ihr Studium hinter der Kamera erfolgreich abgeschlossen. Eines der Resultate ist ein Dokumentarfilm, in der sie im Wattenmeer eine Seehundjägerin begleitet. Mit einem vierköpfigen Team und einer …. Kilo-schweren Kamera stürzte sie sich in den Alltag am Meer. Das bedeutet aber auch permanente Bereitschaft. Es könnte immer etwas passieren, was das Filmteam dann aufzeichnen muss. „Tag und Nacht ist das Handy auf laut. Das ist ein ganz anderer Stress“, beschreibt sie ihren Einsatz beim viertägigen Dreh. Bis die Doku fertig war, dauerte es allerdings ein halbes Jahr. Die Kamerafrau ist trotzdem von ihrer Arbeit beeindruckt: „Das ist das reale Leben von anderen Menschen. Beim Dreh taucht man für ein paar Tage darin ein. Aber man kann es dann auch wieder verlassen.“

Ihr Branchenwechsel war für sie die richtige Entscheidung. „Bei dieser Arbeit spüre ich vielmehr Sinnhaftigkeit“, erzählt Virginia. Auch, wenn sie die Musik nicht aufgibt: Sie gibt immer noch Unterrichtsstunden als weiteres Standbein. Zukünftig will sie aber in einer Produktionsfirma angestellt sein: Virginia erzählt, dass sie in ihrem ganzen Leben noch nie eine klassische Festanstellung hatte. Für ihr Ziel fertigt sie gerade ihr Portfolio an.

© Fotos: Privat

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