Anhalt Dessau
Jede Millisekunde zählt
Leon Wilke
Das Gefühl von Freiheit ist es, was den Motorsport für Leon Wilke ausmacht. Auf der Strecke kann der 20-jährige Rennfahrer aus Köthen mal so richtig Gas geben. Zum Erfolg gehören aber auch eine Menge Konzentration und körperliche Fitness.

Von Ria Michel
Ein kaputter Reifen, eine defekte Bremse, verbeultes Blech – das kann bei einem Autorennen durchaus vorkommen. „Wir spielen eben kein Schach“ ist ein Satz, den Leon Wilke darum an der Rennstrecke oft zu hören bekommt. Der 20-Jährige ist Rennfahrer bei Tuma Motorsport und hat eine Leidenschaft für sich entdeckt, die es durchaus in sich haben kann.
Vom Kart zum Tourenwagen
Seit dem Kindesalter interessiert er sich für alles, was vier Räder und einen Motor hat. „Ich durfte auch immer mal hinter dem Lenkrad von Papas Auto sitzen“, erinnert sich Leon. Mit zwölf Jahren machen Vater und Sohn dann einen Ausflug zu einer Kartbahn. Und dieser sollte alles verändern, denn von da an ging es regelmäßig auf die Bahn. Zunächst startet Leon in der sogenannten „Bambini-Klasse“, später in der Senioren-Klasse und tauscht schließlich die Karts gegen richtige Autos ein. Heute fährt er VW, genauer gesagt einen VW „UP!“.
Adrenalin auf der Rennstrecke
Dass es auf der Strecke auch mal richtig zur Sache gehen kann, ist kein Wunder, denn teilweise geht es mit Geschwindigkeiten bis an die 140 Kilometer pro Stunde in die Kurve – und das mit bis zu 40 weiteren Autos auf der Strecke. Einmal habe Leon dabei die Kontrolle verloren, sich in der Kurve gedreht und sei so zum Stehen gekommen, dass die anderen Autos geradewegs auf ihn zu fuhren. „Da schlägt das Herz schon mal etwas schneller“, berichtet er.
Training nur am Wochenende
Das Fahren zu trainieren, ist außerhalb der Strecke kaum möglich. Daher werden immer die Wettbewerbstage, meist Freitag, Samstag und Sonntag, ausgenutzt, um zu üben. „Das ist ein reiner Wochenendsport“, meint der 20-Jährige. Und diese Wochenenden sind meist richtig vollgepackt und erfordern volle Konzentration: Trainingssessions, Rennen fahren und ganz nebenbei noch Content für Social Media produzieren. Mindestens zehn ganze Wochenenden im Jahr verbringt Leon seine Zeit an der Rennstrecke.
Datenanalyse für Millisekunden
Ein Teil des Trainings besteht auch darin, Daten zu analysieren. In jedem Auto sind Chips verbaut, die alles von der Beschleunigung bis hin zur Reaktionsschnelligkeit aufzeichnen. Auch die Werte der gegnerischen Fahrer könne man anfordern, erklärt er. Laut Leon ist das „das Beste, was man machen kann“. Die Unterschiede zwischen den schnellsten Fahrern liegen nämlich im Millisekundenbereich. Das bedeutet: Es kommt oft auf Kleinigkeiten an.
Die Daten der Konkurrenz analysieren zu können, ist somit Gold wert.

Leon auf der Rennstrecke und in Zivil
Fitness für den Motorsport
Als Laie würde man es nicht unbedingt vermuten, doch auch körperliche Fitness ist wichtig, um hinter dem Lenkrad optimal agieren zu können. Sowohl die Arm- als auch die Rumpf- und Nackenmuskulatur sollte gut trainiert sein. Auch der ein oder andere Saunagang ist wichtig, um sich an die teilweise hohen Temperaturen in den Fahrzeugen, gerade im Sommer, zu gewöhnen.
Sicherheit hat höchste Priorität
Wirklich verletzt habe er sich beim Fahren aber noch nie, höchstens ein paar blaue Flecke durch den Gurt kämen vor. „Die Autos sind schon sehr sehr sicher“, meint Leon zuversichtlich. Doch nicht nur der an den jeweiligen Fahrer angepassten Schalensitz oder die vielen Gurte sorgen für Sicherheit. Auch die Anzüge, inklusive Unterwäsche, Handschuhe und Sturmhaube sind feuerfest und können Temperaturen bis zu 2.000 Grad standhalten. Außerdem stehen an der Strecke jederzeit Feuerlöschstaffeln, Ärzte und Ingenieure bereit und können eingreifen – falls wirklich mal etwas schieflaufen sollte.
Hohe Kosten, große Sponsorenrolle
Wirklich weh tut es nur mit Blick in den Geldbeutel, berichtet der 20-Jährige. Da schnell mal etwas kaputt gehen kann, wird es eben auch ab und an richtig teuer. „Etwa 80.000 Euro kostet der Motorsport im Jahr, wenn nichts Größeres passiert“, schätzt der Rennfahrer. Sponsoren für sich zu gewinnen, sei daher „extrem wichtig“. Derzeit hat Leon sieben unterstützende Unternehmen hinter sich, für die er unglaublich dankbar ist.
Freundschaft trotz Konkurrenzdruck
„Die Freiheit, mal anders fahren zu können, als auf der Straße“, das reizt Leon besonders am Motorsport. Doch auch das Klima unter den Mitstreitern sei angenehm – der Konkurrenzdruck wird seiner Erfahrung nach mit dem Helm abgelegt und auf der Strecke gelassen. Außerhalb des Rennens ist er mit vielen seiner Mitstreiter eng befreundet. „Wir sind wie eine große Familie, jeder hilft jedem.“
Ziele für die Zukunft
Dafür, dass der 20-Jährige erst im vergangenen Jahr seine Abiturprüfungen mit Erfolg absolviert hat, war er schon Teilnehmer bei zahlreichen Rennen, wie etwa dem Norddeutschen ADAC Börde Tourenwagen Cup, kurz: NATC. Auf die Frage, was er in seiner Rennfahrerkarriere in Zukunft noch erreichen will, antwortet er bescheiden: „Formel-1-Fahrer werde ich wohl nicht mehr“.
Doch Leon hat sich durchaus ein paar Ziele gesetzt, die noch auf seiner Checkliste stehen. So will er unbedingt einmal beim „24H Nürburgring“-Rennen dabei sein – eine einzigartige Strecke, die auch eine eigene Lizenz erfordert. Da er künftig auch mehr von der Welt sehen und reisen möchte, hofft er beide Interessen mehr miteinander verbinden zu können – wie bereits bei seinem ersten Junior Cup in Assen in den Niederlanden.
© Fotos: Ria Michel, Marc Günther/race.dayshots


