Mansfeld-Südharz
Der Junge, der gegen die Zeit fliegt
Jesko Loberenz

Juliane Graichen, Projektleiterin
Foto: Denny Kleindienst
Mit elf Jahren auf der Überholspur: Die MZ hat Nachwuchs-Motocrosser Jesko bei einem Trainingstag zwischen Staub, Lärm und Leidenschaft begleitet.
Von Anne Holzki
Alterode/MZ. - Staub wirbelt durch die frische Sommerluft, das Röhren der Maschinen hallt über die abgelegene Motocross-Strecke in Alterode. Es ist Mittwoch – Trainingstag für Jesko Loberenz aus Volkstedt. Normalerweise fährt der elfjährige Motocrossfahrer mittwochs nach Teutschenthal, wo sein Heimatverein MSC Teutschenthal trainiert.
Doch diesmal hat ihm das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht: Am Tag zuvor hatte es stark geregnet, die Strecke ist zu schlammig, der Verein sagt ab. Für Jesko keine Überraschung. Spontane Planänderungen gehören für ihn längst zum Alltag.
Vollgas durchs Staubmeer
In der Ferne ragt eine Hügelkette auf – davor liegt die Motocross-Strecke von Alterode, eine wild geschlungene Piste aus festgepresstem Sand, losem Schotter und kleinen Sprunghügeln. Der Geruch von Motoröl liegt schon in der Luft, obwohl noch niemand fährt.
Als sie auf dem Gelände eintreffen, ist die Strecke noch geschlossen. Jesko nutzt die Zeit, um seine Maschine zu checken. Sie glänzt silbern in der Sonne, das schwarze Profil der Reifen trägt noch Reste vom letzten Einsatz. Die Werkzeuge klappern, alles muss funktionieren. Ein Defekt im Training kann genauso ärgerlich sein wie eine Verletzung.
Sein Körper wirkt konzentriert, seine Bewegungen routiniert – Helm aufsetzen, Brille polieren, Handschuhe überstreifen. Alles sitzt. Langsam treffen auch andere Fahrer mit ihren Motorrädern auf Anhängern ein. Jesko, sein Vater Nico und sein Bruder Mika begrüßen sie. Hier kennt man sich.
Die ersten 15 Minuten fährt er sich ein. Mit einem dumpfen Knall springt der Motor an, er rollt langsam in die erste Runde. Danach: kurze Pause, Wasser trinken, durchschnaufen. Auf dem höchsten Hügel versammeln sich die Zuschauer, eine kleine Fan-Clique aus Eltern, Geschwistern, Freunden. Beste Sicht auf die staubige Action.
Zeit für Jesko, in die Renndistanz zu starten – eine Runde wie im Wettkampf. Voll fokussiert steigt er auf, startet den Motor, das Brummen durchdringt den Platz. Rauch steigt aus dem Auspuff. Jesko beschleunigt. Vollgas. Der Boden vibriert, als er über die Wellenkuppe donnert.
Mika stoppt die Zeit: 1:32 Minuten – solide. Die nächste Runde läuft: 1:31 - besser. Mika hält die Tafel mit der Zeit hoch, sobald Jesko vorbeifliegt. Engstellen mit losem Geröll, steile Aufstiege und Kamelbuckel, bei denen er für einen Wimpernschlag zu schweben scheint, bevor die Reifen wieder aufsetzen. Aus jeder Rille knirscht der Staub, der sich wie Puderzucker auf alles legt – auf Brillen, Trikots, Zähne. Ohne Schutzbrille geht hier gar nichts.
Auch der Wind trägt den Staub weiter – es kratzt im Hals, riecht nach Erde und heißem Metall, für Zuschauer fast wie ein Sandsturm. Jesko fährt konzentriert, seine Bewegungen sind flüssig, beinahe elegant – fast wie ein Tänzer auf unebenem Untergrund.
Der Schweiß läuft ihm über die Stirn, aber sein Ehrgeiz ist ungebremst. Selbst nach drei Stunden Training wirkt er noch motiviert. In einer Kurve stürzt er. Doch Jesko steht sofort wieder auf, setzt die Füße auf, hebt das Motorrad hoch und fährt weiter. Aufgeben? Keine Option.
„Ich war zwei, als ich das erste Mal auf einem Elektromotorrad saß. Papa hatte es gekauft und ich wollte es unbedingt ausprobieren.“ Mit sechs fuhr er regelmäßig, mit sieben nahm er an seinem ersten Wettkampf teil. Was ihn an Motocross am meisten fasziniert? „Das Adrenalin. Ich bin in der Luft – und kann für einen Moment fliegen.“
Schon jetzt ist er viel unterwegs, fast jedes Wochenende. Mit dem Wohnmobil reist die Familie durchs Land – von Stendal über das Ruhrgebiet bis nach Bayern, manchmal sogar bis nach Holland. „Wir haben uns ein kleines Netzwerk aufgebaut. Mal trainieren wir bei den anderen, mal kommen sie zu uns.“

Traumziel Weltspitze
Jesko war bei dem EMX-Finale in Tschechien und der Junioren-WM in Frankreich. Sein Traum: die MXGP-Weltmeisterschaft. „Wenn du da mitfahren darfst, hast du es geschafft.“ Später erzählt er von der deutschen Juniorenmeisterschaft, die er gerade anführt. Von seinem Mentaltrainer, der ihm hilft, fokussiert zu bleiben. Von der Angst, zu verlieren – und der Lust, zu gewinnen.
„Letztes Jahr war ich Vizemeister. Diesmal will ich den Titel holen.“ Ein Leben ohne Motocross? Für Jesko schwer vorstellbar. Trotzdem weiß er: Die Schule kommt zuerst. Jesko besucht das Martin-Luther-Gymnasium in Eisleben. „Wenn ich meine Hausaufgaben nicht mache, kann ich das Training vergessen.“
Sein Fahrstil? „Geschmeidig und ruhig.“ Vater Nico ergänzt lachend: „Man denkt, er fährt gar nicht schnell – und dann ist er doch schneller als alle anderen.“ Seine Familie ist das Rückgrat seines Erfolgs. „Ohne sie würde nichts klappen.“ Papa schraubt, Mika stoppt die Zeit – und Mama Christine sorgt dafür, dass abseits der Strecke alles läuft.
Am Ende des Tages ist Jesko durchgeschwitzt, erschöpft – und glücklich. Der Körper tut weh, die Muskeln brennen. Aber die Augen leuchten. „Es gibt keinen Tag, an dem ich keinen Bock habe zu fahren“, sagt er. Und dann schwingt er sich wieder aufs Motorrad. Nur noch eine letzte Runde. Nur noch ein bisschen Adrenalin.

© Fotos: Kai Brake





