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  Mansfeld-Südharz  

Ein steiler Weg nach oben

Hanna Rautzenberg

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Juliane Graichen, Projektleiterin
Foto: Denny Kleindienst

Sie  trat mit Bryan Adams, Milow, Silbermond und Co. auf: Sängerin Hanna Rautzenberg aus Stangerode will an die Spitze des deutschen Pop. Dabei manövriert die 21-Jährige zwischen Studio und Studium – und versucht, sie selbst zu bleiben.

  Von Max Hunger  

Stangerode - Für Hanna Rautzenberg ist es ein Schlüsselmoment ihrer noch jungen Karriere  – und er skizziert die emotionale Achterbahnfahrt, die das Leben der Sängerin prägt.  Es war im Sommer 2025. Gerade hat die 21-Jährige ihr neues Lied im Internet veröffentlicht, doch  es taucht in keiner Bestenliste auf. „Ich war total frustriert“, sagt Hanna Rautzenberg. Dann die Nachricht ihres Managers. Kurze Zeit später, Anfang August, steht sie allein mit einer Gitarre vor mehr als 10.000 Menschen auf der Peißnitzbühne. Sie eröffnet das ausverkaufte Bryan-Adams-Konzert in Halle. Später wird sie mit ihrem Idol  quatschen, ein Foto mit der Rocklegende machen, sogar von ihm gelobt werden. Der Frust ist vergessen, die Musikerin schwimmt im Glück. „Dieses Auf und Ab ist nicht einfach“, sagt sie. „Aber ich mag das Chaos.“

Vom Vorharz auf die Bühne

Mit ihrer kräftigen, rauchigen Stimme hat sich die 21-Jährige  aus dem 300-Einwohner-Ort Stangerode (Mansfeld-Südharz) auf die großen Bühnen Deutschlands gesungen. Sie teilte sich die Bühnenbretter mit Bryan Adams, Milow, Silbermond, Revolverheld, Mighty Oaks und vielen mehr. Im kommenden Jahr startet ihre erste eigene Deutschlandtour. Man kann sagen: Hanna Rautzenberg aus Sachsen-Anhalt ist eine der großen Pop-Hoffnungen   Deutschlands.

Wie tickt sie? Welche Beziehung hat sie zu ihrer Heimat? Und wie stemmt sie den Spagat zwischen Rampenlicht und Realität? Wer mit ihr spricht, spürt schnell: Der Griff nach der Pop-Krone verlangt der Studentin viel ab, ist oft wenig glamourös, riskant, aufwühlend – und vielleicht trotzdem oder gerade deshalb genau das Richtige für die quirlige Blondine.

An  einem Nachmittag trifft man Hanna – Siezen würde einfach nicht passen – in einem Café in Leipzig. Lederstiefel, Jeansjacke, Zigarette im Mundwinkel. In ihr mischen sich das Rockstarflair der 80er mit der Perspektive der Generation Z. Starallüren? Hat sie nicht. Aber große Träume: „Ich möchte langfristig die größte Sängerin in Deutschland sein.“ Trotzdem pflegt Hanna einen nüchternen Blick auf die Musikwelt. „Es ist im Moment eher ein teures Hobby“, lacht sie. Nun, das ist eine Untertreibung. Die Musik bestimmt schließlich schon früh ihr Leben.

Hanna verbringt ihre Kindheit zwischen den Wäldern und Hügeln des Vorharzes. Ihre Eltern sind glühende Fans des erdigen Rocks vergangener Jahrzehnte. „Ich bin mit Bruce Springsteen und Bryan Adams aufgewachsen.“ Sie beginnt mit Geige, fängt aus Spaß auch an zu singen, bekommt mit 15 einen Gutschein für einen Tag in einem regionalen Tonstudio geschenkt. Dort macht es Klick. „Ich fand das total cool. Das war der Startschuss.“ Die Studiomusiker bemerken schnell ihr Talent, es entsteht ein erstes Album, 2020 ein Konzert in Aschersleben (Salzlandkreis). Hier besucht Hanna das Gymnasium. 

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Hanna Rautzenberg nahm mit 15 ihre erste Platte auf.

Hanna wird entdeckt

Als sie zu Gast in einem MDR-Podcast ist, hört ihr heutiger Manager Torsten Kieling durch Zufall ihren Gesang – und wird in seinen Bann gezogen. „Ich war schwer begeistert von ihrer Stimme“, sagt Kieling heute. Er nimmt Kontakt zu ihr auf, macht ihr ein Angebot. Hanna ist damals 17. „Wir kannten uns noch gar nicht. Das war null geplant“, erzählt der Manager. Bis heute arbeitet er mit Hanna, hat sie auf viele große Bühnen und Tourneen geführt. Und es werden wohl nicht die letzten gewesen sein.

Zurück ins Leipziger Café. Hanna nippt an ihrem Cappuccino und lässt den Blick in den Himmel gleiten. Ihr Leben hat sich seit ihren ersten Gehversuchen im Tonstudio radikal gewandelt. Sie reist zu Studioterminen in Berlin und Hamburg, gibt Konzerte in ganz Deutschland, studiert Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig, jobbt nebenbei. Ein geregelter Alltag? „Gibt es bei mir nicht.“ Geld verdiene sie mit der Musik aber nicht, betont Hanna. All die Arbeit sieht sie als Investition in ihre Karriere. „Wenn wir eine Tour spielen, gehe ich meist ins Minus.“ Denn trotz guter Kontakte in die A-Liga der Musikindustrie, der Weg nach oben ist steinig.

Allein im Rampenlicht

Ob auf der Bühne oder im Internet – die 21-Jährige steht oft im Zentrum der Aufmerksamkeit. 25.000 Menschen hören allein auf der Musikplattform Spotify monatlich ihre Songs, 7.500 Menschen folgen ihrem Instagram-Profil. Hier veröffentlicht sie regelmäßig Fotos und Videos, von Konzerten und aus ihrem Privatleben. Ein zweischneidiges Schwert für die junge Frau. „Soziale Medien regieren die Welt. Wenn das nicht läuft, kriegst du keinen Plattenvertrag. Läuft es, brauchst du eigentlich keinen mehr.“ Sie teile gern Erlebnisse von Konzerten und neue Lieder. Am meisten Aufmerksamkeit brächten jedoch Einblicke in ihr Beziehungsleben. Zu Beginn sei ihr das oft unangenehm gewesen. „Aber das Spiel musst du halt spielen. Ich habe mittlerweile meinen Weg gefunden.“

Denn Hanna zieht auch Grenzen: Das Angebot eines großen Musiklabels hat sie ausgeschlagen. Man habe sie in eine Schublade stecken wollen, sagt sie. Sie wolle aber nicht die typische „Pop-Maus“ geben. Sie arbeitet zudem mit professionellen Komponisten zusammen, über ihre Musik will sie aber selbst entscheiden. „Das letzte Wort habe ich.“ Viele Texte schreibt sie selbst. Sie basierten immer auf echten Erlebnissen, sagt Hanna. Die Texte handeln von gescheiterten Beziehungen,  spontaner Liebe, rauschenden Nächten. Dazu erklingt mal weicher, mal rauer Gesang, E-Gitarren, Schlagzeug, dann wieder sanfte Klaviertöne. Popmusik also, aber mit einer  Note Sex, Drugs and Rock 'n' Roll, irgendwo zwischen den 80ern und heute, zwischen Bruce Springsteen und  Taylor Swift. „Ich habe schon mit 15 oft gehört: Du klingst wie eine 40-Jährige, die jeden Tag eine Schachtel Kippen raucht.“

Spricht man Hanna auf ihre Musik an, sprudeln die Worte aus ihr heraus. Wild sollen ihre Songs sein, aber auch eingängig. „Ich möchte für eine starke, selbstbewusste junge Frau stehen, die auch Fehler macht und darüber nachdenkt.“ Sie wolle die Fans des alten, handgemachten Rocks verzaubern, aber auch ihre Generation.

Aber da ist auch eine ruhige, nachdenkliche Hanna. Sie fahre gerne nach Hause, in den Südharz. „Da kann ich runterkommen“. In ihrer Jugend lief sie oft allein durch den Wald, ihren Dackel an der Leine, in den Ohren Bryan Adams über Kopfhörer. Zu ihrer alten Schule, dem Stephaneum in Aschersleben, pflegt sie noch gute Kontakte. Zu Lehrern, zu Mitschülern, zuletzt spielte sie dort ein Schulhofkonzert. „Ich bin da auf große Unterstützung gestoßen.“

Aber was tun, wenn es doch nicht klappt mit der Musikerkarriere? Sie könne sich einen Job bei einem Label oder als Moderatorin vorstellen, sagt Hanna. Aber eine große Rolle scheint dieser „Plan B“ nicht zu spielen. Denn das mit der Musik, das ist wohl einfach ihr Ding. „Ich habe kein Lampenfieber.“ Auf der Bühne, beim Singen,  fühle sie sich vielmehr frei. „Ich kann mich da endlich ausdrücken.“

Ein Leben im Jetzt

Man spürt: Die 21-Jährige denkt nicht an später, an Familie, Haus und Rente. Sie denkt an das nächste Konzert, den nächsten Song,  den nächsten Abend. Kurz gesagt: Sie lebt im Jetzt. So wie ihre Songs das Jetzt feiern, so wie man Musik im Jetzt genießt. Alles andere würde ja auch nicht passen zu einem aufstrebenden Stern am Musikhimmel – sei es heute oder in der goldenen Ära des Rock 'n' Roll.

© Fotos: Emil Gentes, Julia Tiemann

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