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  Halle  

347.795 Klicks: Wie der 20-jährige TikToker „OCBee“ Halle viral macht

Constantin Boese

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Juliane Graichen, Projektleiterin
Foto: Denny Kleindienst

Der junge Influencer Constantin Boese ist in knapp 5 Monaten zum Social-Media-Star von Halle geworden. Bis zu 20 Fotos macht er täglich mit Fans. Er verrät uns, wie er so erfolgreich geworden ist, was ihn dazu bewegt hat und was hinter den Trends steckt.

  Von Hanna Schabacker  

Vom Hallenser zum TikTok-Star

Halle (Saale)/MZ.

„Halle (Saale)“ - So beginnt fast jedes seiner Videos, oft so laut, dass selbst die Tauben am Markt aufschrecken. An diesem Nachmittag bleiben immer wieder kleine Grüppchen stehen. Ein Mädchen dreht sich beim Vorbeigehen um: „Oh mein Gott, ‚OCbee‘“. Zwei Jungs wollen erst ein Foto, dann noch eins und fragen zum Schluss, ob er ihr TikTok-Video reposten kann.

Eine Mutter mit Kinderwagen bleibt stehen und erzählt, dass sie bei jedem seiner Lives dabei ist. „Halle (Saale), was geht“, ruft er in seinen Lives gern über den Platz und regelmäßig folgen ihm daraufhin weitere Menschen.

Constantin Boese ist 20, in Halle aufgewachsen, im Netz nennen ihn alle "OCBee". In wenigen Monaten hat er sich zum Stadt-Gesicht auf TikTok gemacht. Dass er polarisiert, weiß er. Dass er Wirkung hat, spürt er jeden Tag. „Ich bin der TikToker in der Stadt“, sagt er und grinst. „So ein bisschen wie der Highschool-Crush, nur eben in Halle.“

Warum Halle sein Erfolgsrezept ist

Die Saalestadt ist sein Studio. Sein Stil: schnell, laut, selbstironisch, und teilweise kalkuliert. „Ich schreie Halle (Saale) ganz laut, weil sich dann alle direkt angesprochen fühlen. Das Prinzip funktioniert, das ist meine Handschrift geworden“, erklärt der Content-Creator. Danach kommen Signale, die seine Community kennt: ein schnelles Klatschen in die Hände als Schnitt, ein Zwinkern in die Kamera. Und immer wieder dieses pinke Kartenetui, sein Erkennungszeichen, das in jedem Clip aufblitzt. „Daran erkennen mich viele sofort.“

Die Halle-Nische hat ihn über die Kommentare gefunden. Leute erkannten Straßenbahnen und Plätze – also richtete er seine Inhalte konsequent auf die Stadt aus. „Halle ist eine tolle Stadt und es gibt viel zu viele Vorurteile. Das kann ich gar nicht verstehen. Teilweise sind es Hallenser selbst, die schlecht über ihre Stadt sprechen.“

Ein frühes Video über eine Döner-Eröffnung ging ab, andere folgten. Heute knacken seine Clips regelmäßig fünfstellige Reichweiten, ein Bestseller liegt bei weit über dreihunderttausend Aufrufen. Wenn er krank ist und mal eine Woche aussetzt, merkt er sofort, wie der Algorithmus ihn drückt. Also postet er täglich, baut sich Puffer, dreht vor dem Urlaub vor. Warum es genau bei ihm funktioniert, kann er nicht zur Formel machen. Er weiß nur: „Dranbleiben.“

Provokation mit klaren Grenzen

Provokation gehört dazu, aber nicht um jeden Preis. „Ich mache mich mit Absicht zum Affen“, sagt er, „aber es gibt Grenzen.“ Rassistische oder menschenverachtende Inhalte sind tabu. Auch Zigaretten und Alkohol gibt es nicht vor der Kamera. In Essens-Videos lässt er absichtlich die Soße tropfen, weil es komisch ist, räumt den Teller danach sauber weg, weil es richtig ist. „Ich gebe immer eine kleine Message mit, das ist mir wichtig.“

Sein Verhältnis zu Kommentaren ist nüchtern. Am Anfang beantwortete er alles, um die Interaktion oben zu halten. Heute lässt er es laufen. „Sonst bist du nur noch am Antworten.“ Viel wichtiger ist ihm das, was außerhalb der Kommentarspalte passiert. Lives auf dem Marktplatz etwa. Dort ruft er neuen Followern mit Namen zu – ein Ritual, das die Stadt in Bewegung bringt. Er erzählt, dass einmal das Ordnungsamt kam, weil sich laut deren Darstellung Händler über die Lautstärke beschwert hätten.

Der Plan hinter all dem ist größer. "OCBee" will das Bild von Halle drehen. Seine Antwort darauf ist Aufmerksamkeit. Er adaptiert Trends auf Halle, bewertet, triggert – auch mit einem Stadtviertel-Ranking, das absichtlich piekst, damit möglichst viele reagieren. Was er wirklich mag, verrät er nur in Teilen. „Das Reileck ist für mich auf Platz eins“. Lieblingsorte hält er „geheim“, damit sie Lieblingsorte bleiben.

Sein Publikum ist jung, oft zwischen 14 und Mitte 20. Er ist greifbar, ständig auf der Straße, dauernd ansprechbar. „Ich mache bestimmt 15 bis 20 Fotos am Tag“, sagt er. Auf großen Festen könne er keine zehn Meter laufen. Nervt das? „Manchmal. Aber jedes Foto ist am Ende Teil meines Jobs. Landet es in einer Story, finden wieder neue Leute zu mir und zu Halle.“

Dass andere Ähnliches machen, stört ihn nicht. Gegenwind hat er anfangs bekommen, auch von einem Kollegen, der Ringer-Content produziert. Nach einem Gespräch wurde aus Skepsis Zuspruch. Inzwischen arbeiten sie auch gemeinsam an Projekten. So läuft es oft: erst Stirnrunzeln, dann ein Treffen und die Vorurteile sind weg. „Man sollte Menschen erst persönlich kennenlernen, bevor man urteilt.“

Zwischendurch öffnet der 20-Jährige andere Türen in Halle. Sport soll groß werden: Ringen beim SV Halle war der Auftakt. Auch Football bei den Halle Falken steht auf der Liste. Sein Ziel: jede Sportart der Stadt einmal zeigen, Kinder motivieren, rauszugehen und etwas auszuprobieren. „Ich freue mich, wenn die Leute meine Videos schauen, aber sie sollen auch rausgehen, aktiv werden und nicht nur auf der Couch hocken.“

Constantin Boese will Halle sichtbarer machen und bei seiner Leidenschaft bleiben. Er dreht aus Freude, nicht für Werbeversprechen: Er testet, sagt ehrlich, was gut ist und was nicht. Verdienen will er damit irgendwann, gerade sichert ihn noch ein Job im Einzelhandel ab. Frühere Pläne hat er dafür beiseitegelegt. Sein Ziel bleibt die Selbstständigkeit.

Zum Schluss steckt er das Stativ ein, muss zum nächsten Termin. Und wenn die Kamera läuft und sein Intro kommt, dann gilt wieder: „Halle auf die 1“.

© Fotos: Hanna Schabacker

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