Salzlandkreis
Leben auf der Überholspur
Noah Ludwig

Juliane Graichen, Projektleiterin
Foto: Denny Kleindienst
Er ist sympathisch, ruhig und zurückhaltend – aber nicht am Gashahn. Noah Ludwig, der 20-Jährige aus Aschersleben, könnte der nächste ganz große Fahrer des deutschen Motocross werden.
Von Susann Mertz
Ein Wohnmobil reiht sich ans nächste. Doch niemand ist wegen idyllischer Urlaubsruhe in Teutschenthal (Saalekreis). In wenigen Sekunden fällt der Startschuss zum Motocross-Rennen der Deutschen Meisterschaft, und schon jetzt dröhnen die Motoren lauter als jeder Jubel übers Feld. Das Adrenalin der Fahrer hat längst gekickt, der Gang noch nicht. Sobald das Gatter fällt, entscheiden Millisekunden, wer sich an die Spitze katapultiert und wer im aufgewirbelten Schlamm der Hinterräder untergeht.
Im Gemenge aus 28 (noch) bunten Trikots, Staub und Dreck blitzt die Fahrernummer 300 auf. Man könnte einen lauten Draufgänger erwarten. Doch hinter dem Helm verbirgt sich ein ruhiger junger Mann: Noah Ludwig, erst 20 Jahre alt und Motocross-Profi aus Aschersleben (Salzlandkreis) – vielleicht der nächste ganz Große für Deutschland.
Erstes Moped mit vier
September 2022 – ADAC MX Youngster Cup in Holzgerlingen. Noahs 18. Geburtstag und ein Schlüsselmoment seiner Karriere. Sein Geschenk: der Sieg und die Eintrittskarte in ein Profiteam. „Er ist allen davongefahren“, erinnert sich Teamchef André Sarholz. „Mit einer Lockerheit und gleichzeitig vernünftigen Aggressivität. Da war klar: Diesen Diamanten müssen wir schleifen.“
Seit 2023 startet er für KTM Sarholz in der höchsten Motocross-Klasse (Open) – damals als einziger 18-Jähriger unter den Großen. Den meisten Respekt hatte er jedoch nicht vor den Gegnern, sondern vor der neuen Maschine. Von 250 auf 450 Kubikzentimeter Hubraum – schwerer, größer, schneller. Das müsse man erst mal meistern.
Das tat er. „Noah Ludwig ist Deutscher Meister“, titelte es 2024 – wieder kurz vor seinem Geburtstag.
Da könnte man womöglich nicht nur mit dem Bike abheben. Wie tickt jemand, der in jungen Jahren so viele Erfolge feiern kann? „Noah ist ein sehr angenehmer Fahrer. Super nett, gut erzogen“, erzählt sein Teamchef, „aber auch sehr zurückhaltend. Das ist Stärke und Schwäche zugleich“.
Was Noah als Mensch sympathisch macht, wird ihm auf der Strecke manchmal zum Verhängnis. Kritik und Wünsche äußern – sind wir ehrlich – das fällt vielen schwer, so auch dem jungen Profisportler. „Ich suche Fehler eher bei mir, obwohl es natürlich auch etwas anderes sein kann. Aber alle reißen sich den Arsch für mich auf. Da sage ich ungern, mir passt was nicht.“
Doch im Motocross sei Kommunikation das A und O. Die Maschine, die Technik, das Training – alles müsse passen. Laut Sarholz entscheiden Kleinigkeiten über Platz 1 oder 10. Das Wichtigste aber seien die Menschen, die hinter einem stehen.
Noahs Talent wurde ihm praktisch in die Wiege gelegt. Bereits im Kinderwagen schunkelte er neben der Strecke zu jaulenden Crossmotoren. Damals war es noch sein Vater, der über den Kurs fegte. Mit zwei Jahren gab es das erste Laufrad, mit vier das erste Moped und mit fünf das erste Rennen. „Er hat sich so gewehrt, hat geweint und wollte partout nicht auf die Strecke. Aber nach der ersten Runde haben wir ihn nicht mehr runterbekommen“, erzählt Vater Marco Ludwig.

Motocrossfahrer Noah Ludwig in Teutschenthal, Immer am Limit: Noah Ludwig auf seiner Motocross-Maschine beim ADAC MX Masters 2025 in Mölln
Zwei gebrochene Arme
Seitdem ist Motocross nicht nur Noahs Leben, sondern auch das seiner Familie. Wohnmobil statt Wohnzimmer. Beide Eltern sind berufstätig – in der Bau- und Immobilienbranche –, haben ein eigenes Haus, aber: „Man kommt zu nichts mehr.“ Kurz funkeln Tränen in Sandra Ludwigs Augen auf. Ist es Stolz, ist es Angst? „Natürlich sind wir stolz, dass er es so weit geschafft hat, aber es ist auch stressig.“ Noahs Mutter könne sich seine Rennen nicht live ansehen. „Ich schaue es erst im Nachhinein, wenn ich weiß, dass alles gut gegangen ist.“ Zwei gebrochene Arme – gleichzeitig –, Schlimmeres sei zum Glück noch nicht passiert. Alle klopfen auf Holz.
Marco Ludwig wünscht seinem Sohn, dass der Knoten weiter platzt. Noah habe ein unglaubliches, noch nicht ausgeschöpftes Potenzial. Da sind sich Familie und Teamchef einig. „Jetzt muss er mental nur noch verarbeiten, wozu er imstande ist, und dann bin ich mir sicher, dass er einer der besten deutschen Fahrer werden kann“, so Sarholz. Nicht zuletzt der Gesamtsieg beim ADAC-Masters-Rennen 2025 in Mölln habe das bewiesen.
Doch Noahs Leben auf der Überholspur hat auch seinen Preis: Training, Wohnmobil, Rennen, stundenlange Fahrten von Ort zu Ort. Oft ist er auch allein unterwegs. „Letztes Jahr hatte ich noch eine Freundin, aber es ist einfach schwierig, wenn man so viel unterwegs ist.“ Aktuell vermisse er nichts, aber irgendwann hätte er gern eine eigene Familie. Vermutlich sei es einfacher, jemanden aus der Szene kennenzulernen – eine Partnerin, die seinen Lebensstil nachvollziehen kann.
Hunderte Camper, die Sonne scheint, und wenn nicht gerade die Stimme der Moderatoren durch die Lautsprecher schallt, hört man Motoren und aufgeregtes Gerede an jeder Ecke. Während der Saison sind die Motocrosser meist von Donnerstag bis Sonntag alle auf einem Haufen. Man könnte ein wildes Partyleben vermuten. Die Realität sieht anders aus. „Sonntag nach dem Rennen wollen alle eigentlich nur nach Hause. Montag arbeiten viele, und meistens fährt man ja noch ein paar Stunden.“ Richtig gefeiert werde erst nach der Saison.
Motocross ist in Deutschland ein Randsport. Noah finanziert sich über Sponsoren, die Technik stellt sein Team. Das funktioniert – aber nur, weil er bei seiner Familie wohnt und keine Miet- oder Verpflegungskosten hat. Er steht noch am Anfang seiner Profikarriere. Pläne für danach drängen nicht. Er hat einen Realschulabschluss in der Tasche. Ein Bürojob? Nicht vorstellbar. „Das geht nach so einem Leben nicht.“ Fitnesstrainer – vielleicht irgendwann.
Sein Idol, der deutsche Motocrosser Ken Roczen, hat es bis zur Königsklasse in die USA geschafft. Könnte das auch für ihn infrage kommen? „Für den Sport würde ich es machen“, sagt er nachdenklich, „aber ob ich da mit der Lebensart klarkomme?“ In der Ruhe von Aschersleben fühlt er sich eigentlich am wohlsten.
Aktuell zählt nur: gesund bleiben – und bei den ADAC MX Masters und der Weltmeisterschaft ganz vorn mitmischen. In Teutschenthal gewann er sein erstes Rennen, im zweiten belegte er nach einem Sturz Platz sieben.
© Fotos: Steve Bauerschmidt/ADAC Motocross, Susann Mertz


