Altmark
Vielfalt statt Monokultur
Julien Goldner

Juliane Graichen, Projektleiterin
Foto: Denny Kleindienst
Wie ein junger Gärtner in Havelberg mit Sandboden, Quecke und Schicksalsschlägen seinen Traum vom Bio-Gemüse lebt. Haus der Flüsse organisiert einen Besuch bei ihm.
Von Diana Honcharenko
Havelberg. Zwischen Sandboden, Winderosion und der unermüdlichen Quecke baut Julien Goldner sein kleines Paradies auf. Der 27-jährige Gesundheits- und Krankenpfleger, der weiterhin in Teilzeit in der Notaufnahme in Kyritz arbeitet, hat vor über dreieinhalb Jahren seine Gemüsegärtnerei „drunter und drüber“ gegründet – und versorgt seither 40 Familien, das Arthotel und das Bilderbuchcafé mit frischem Bio-Gemüse.
„Es ist harte Arbeit, aber wenn die Menschen ihre Gemüsekiste öffnen und glücklich sind, dann weiß ich, warum ich das tue“, sagt Julien Goldner, während er sich die Erde von den Händen wischt.
Landwirtschaft auf Sand
Sein größter Gegner sind nicht der Markt oder die Bürokratie – es ist der Boden selbst. Der Hauptteil der Fläche besteht aus reinem Sand, der im Sommer sehr schnell austrocknet. „Wenn ich nicht bewässere, verwandelt sich das Feld in wenigen Tagen in eine Wüste“, erklärt er. In heißen Sommern laufen die Sprinkleranlagen deshalb fast rund um die Uhr – meist aber nachts, um Wasserverluste zu vermeiden.
Hinzu kommt die Quecke, ein hartnäckiges Wurzelunkraut, das in kürzester Zeit ganze Beete überwuchern kann. „Manchmal denke ich: Heute habe ich’s geschafft – und eine Woche später sieht es wieder aus wie eine Wiese“, erzählt er lachend und schüttelt den Kopf.
Um die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern, setzt er auf Gründüngung, Zwischenfrüchte wie Klee und Leguminosen. Kuhmist, Heu und eigener Kompost runden den Kreislauf ab. „Nach drei Jahren merkt man schon: Der Boden hält mehr Wasser, er lebt wieder“, sagt der Gärtner stolz.
Auf seinen Beeten wachsen 42 verschiedene Kulturen – von Radicchio und Rucola bis hin zu Süßkartoffeln und Wassermelonen. Mischkultur ist sein Geheimnis: Möhren wachsen neben Lauchzwiebeln, Basilikum neben Tomaten. „Das schützt nicht nur vor Schädlingen, sondern verbessert auch den Geschmack“, erklärt er und deutet auf eine Reihe blühender Studentenblumen zwischen den Tomaten.

Julien Goldner erklärt in seiner Gemüsegärtnerei „Drunter und Drüber“ in Havelberg, mit welchen Geräten er seine Beete bearbeitet. Das Jahr über baut er verschiedene Sorten Obst und Gemüse an.
Kreislaufwirtschaft
Selbst Krankheiten wie die Braunfäule bei Tomaten oder das Mosaikvirus bei Gurken schrecken ihn nicht ab: Befallene Pflanzen landen auf dem Kompost. „Viele sagen, das darf man nicht. Aber ich glaube, ein gesunder Boden kann viel wegstecken“, ist Julien Goldner überzeugt.
Zum Hof gehören auch Tiere: 25 Hühner legen täglich Eier für die Kundschaft. Nach zwei Jahren werden sie als Suppenhühner vermarktet. Außerdem experimentiert Goldner mit einem mobilen Hühnergehege: Zwölf Masthühner werden täglich ein Stück weitergerückt, düngen den Boden direkt und halten die Wiese kurz. „Das ist Kreislaufwirtschaft pur“, erklärt der junge Mann.
Seine Vision geht über Gemüse hinaus. Auf einer Streuobstwiese pflegt er alte Apfel- und Birnensorten, veranstaltet Selbsternte-Aktionen für Familien und plant künftig Workshops zur regenerativen Landwirtschaft. „Es geht nicht nur ums Essen. Es geht darum, wieder eine Verbindung zur Natur zu spüren“, sagt er ernst.
Gemeinsam mit dem Haus der Flüsse wurde in den Wochen der Nachhaltigkeit eine besondere Führung organisiert: Rund 20 Gäste kamen, um sich die Gärtnerei anzusehen. Sie bekamen Einblicke in die Folientunnel, erfuhren mehr über die Anbaumethoden – und durften sogar frische Blätter probieren. „Die Menschen müssen es sehen und schmecken. Erst dann verstehen sie, welche Arbeit hinter jeder Karotte steckt“, sagt Julien Goldner.
Doch hinter seiner Erfolgsgeschichte verbirgt sich ein tiefer Schmerz. Vor über dreieinhalb Jahren verlor Julien durch einen tragischen Verkehrsunfall seine schwangere Freundin. „Für mich ist damals die Welt zusammengebrochen“, gesteht er leise.
Was blieb, war die Erde – und die Arbeit. „Ich habe in meiner Arbeit mein Herz und meinen Frieden gefunden“, sagt er. Heute verbringt er bis zu 90 Stunden pro Woche auf seinem Hof, zwischen Beeten, Tunneln und Hühnern.

Seinen Besuchern hat Julien Goldner eine Kostprobe vom Palmkohl gereicht und gleichzeitig gezeigt, wie sich der Strunk leicht entfernen lässt.
Planung bis ins Detail
Trotz aller Widrigkeiten läuft alles nach Plan: Im Oktober und November beginnt die Jahresplanung, bis Januar müssen die Jungpflanzen bestellt sein. Jeden Sonntag erstellt der junge Gemüsegärtner einen Wochenplan: was geerntet, welche Beete gepflegt und welche Kulturen neu gesetzt werden müssen.
„Es ist ein Leben ohne Wochenende. Aber ich habe es mir selbst ausgesucht. Und ich bin glücklich damit“, sagt er mit einem Lächeln, während der Herbstwind sanft durch die Kohlreihen streicht.
© Fotos: Max Tietze, Drunter und Drüber, Diana Honcharenko


