Anhalt Dessau
Olympia fest im Blick
Sina Bauer
Eine junge Sportlerin aus Dessau hat große Ziele und ein großes Vorbild.

Von Sophia Seifert
Sina steht am Rand der Judohalle, den Blick konzentriert vor sich auf die Matte gerichtet, mit einer Hand zieht sie immer wieder ein Gymnastikband auseinander. Im Hintergrund tollen jüngere Kinder herum, rollen ineinander verschlungen über den Boden, versuchen lachend ihrem Partner den Gürtel, der den Judoanzug zusammenhält, abzuluchsen. Sina macht ruhig ihre Stabilisationsübungen weiter, unbeeindruckt von dem Spektakel, das sich direkt vor ihr abspielt. Die Übungen macht sie für ihre Schulter, die sie vor Kurzem etwas überdehnt hat.
Sehr früh angefangen
Das 16-jährige Mädchen ist eine Judoka, und dass sie zielstrebig und diszipliniert ist, spürt man schon, bevor ihr richtiges Training überhaupt erst losgeht. „2032 will ich bei Olympia mitmachen“, wird sie später lächelnd sagen.
Mit drei Jahren hat Sina mit dem Judo angefangen. Mit zwei ihrer Schwestern ist sie damals zu ihrem ersten Training gegangen: „Ich war die Jüngste und wurde einfach mitgenommen.“ Heute ist sie die Einzige von ihnen, die Leistungssportlerin ist und konnte schon einige Erfolge erzielen. 2025 hat Sina zum Beispiel den 1. Platz in der Landesmeisterschaft in Sachsen-Anhalt und den 2. Platz in der Mitteldeutschen Meisterschaft belegt.
Sie kommt ursprünglich aus Dessau, besucht aber seit 2022 die Sportschule in Halle. Dort trainiert sie täglich, zwischen zwei und fünf Stunden am Tag. Ist das nicht auch anstrengend zusätzlich zum Schultag? „Man kommt in den Rhythmus rein“, sagt Sina. Im Training mache ihr Körper die Bewegungen auch fast automatisch, sie müsse da nicht mehr drüber nachdenken: „Das ist nicht mehr anstrengend.“
Unter der Woche wohnt Sina im Internat auf dem Campus der Sportschule und kann so leicht zwischen Schulunterricht, Training in der Judohalle, Mensa und ihrem Zimmer, das sie sich mit einem anderen Mädchen teilt, hin und her wechseln. „Hier wird man sehr schnell selbstständig“, sagt die Sportlerin. Kochen, backen, Wäsche waschen, einkaufen, das alles erledige sie schon selbst.
Am Wochenende ist Ausruhen angesagt. Dann fährt Sina zurück nach Dessau, verbringt Zeit mit ihrer Familie und Freunden.

Leon auf der Rennstrecke und in Zivil
Im Training alles rauslassen
Einen weiteren Ausgleich zum täglichen Training brauche sie nicht: „Der Sport ist der beste Ausgleich“, sagt die Judoka. Wenn sie auf der Matte steht und kämpft, seien ihre Gedanken ruhig. „Im Training kann ich einfach alles rauslassen. Wenn ich zum Beispiel gerade etwas aggressiv bin, kann ich das in Motivation umwandeln“. Das Kämpfen mit einem Partner mache ihr sehr viel Spaß: „Dieses Adrenalin, das man spürt, kurz bevor es losgeht, das ist toll“, erklärt Sina und strahlt.
Auf den Matten in der Judohalle der Sportschule Halle hat mittlerweile das Training begonnen: Im Sekundentakt donnert es immer wieder lautstark – die Jugendlichen in Sinas Trainingsgruppe üben werfen und geworfen werden. „Judo ist kein Kuschelsport!“, sagt die junge Sportlerin. Judo ist zwar ein sehr körperlicher Sport – es geht darum, den anderen mit verschiedenen Wurftechniken auf den Boden zu bringen und auch dort zu halten. Dabei müsse man aber eben auch mal Nasenbluten oder Prellungen in Kauf nehmen, sagt Sina. Trotzdem gelte immer: „Auf der Matte sind wir Feinde, von der Matte sind wir Freunde“, erklärt die junge Sportlerin.
Judoka und Polizistin
Die traditionellen Judo-Werte seien ihr sehr wichtig: Respekt und Hilfsbereitschaft, dass Menschen nicht verurteilt werden aufgrund ihres Aussehens oder ihres Geschlechts: „Jeder Mensch ist gleich viel wert.“
So tritt sie auch gern gegen Personen an, die besser sind als sie, wie zum Beispiel ihren Trainer. Der wirft sie während des Trainings mehrere Male hintereinander auf den Boden. Und Sina? Die lächelt. „Sonst lerne ich ja nichts.“ Die Sportlerin sagt, dass sie jeden Tag besser sein möchte als den vorherigen. Sie will hart trainieren und alles daransetzen, dass sie in diesem Jahr in den Judo-Bundeskader der Altersklasse U18 aufgenommen wird und so auch bei den Europameisterschaften teilnehmen kann.
Wenn sie das schafft, könnte sie sich auch noch einen anderen Traum erfüllen: Polizistin zu werden. Die Ausbildung bei der Polizei möchte sie mit einer Karriere als Spitzensportlerin verbinden. Als Mitglied des Bundeskaders würde sie dafür noch einmal zusätzliche Unterstützung erhalten. Sinas großes Vorbild ist Luise Malzahn: Die Hallenserin ist mehrmalige Deutsche Meisterin im Judo und auch Polizeioberkommissarin.
Geheimes Versprechen
Um sich den Willen und die Motivation dafür beizubehalten, eine erfolgreiche Sportlerin zu werden, hat Sina sich und ihrem allerersten Judotrainer vor einigen Jahren ein Versprechen gegeben. Das ruft sie sich vor jedem Training und jedem Wettkampf immer wieder in Erinnerung: „Manchmal schreibe ich es mir auch aufs Handgelenk, um es nicht zu vergessen.“ Aber was es genau ist, will die Judoka nicht sagen. „Das bleibt zwischen mir und meinem Trainer.“
© Fotos: Sophia Seifert



