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  Anhalt Dessau  

Vom Schüler zum Chef

Jan Richter und Leonard Müller

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Juliane Graichen, Projektleiterin
Foto: Denny Kleindienst

Zwei Abiturienten haben ein eigenes Unternehmen aufgebaut. Ihren ersten Kunden gewannen sie in der Schulpause. Heute sprechen sie über Künstliche Intelligenz, Fachkräftemangel und ein Treffen mit dem Ministerpräsidenten.

  Von Jonas Lohrmann  

Wittenberg/Gräfenhainichen – Die Pausenklingel scheppert durch das Schulgebäude. Dieselben Tische, dieselben Stühle, vertraute Gänge. Doch diesmal drücken Leonard Müller und Jan Richter nicht mehr die Schulbänke. Sie stehen vorn – dort, wo früher ihre Lehrer standen – und erklären, wie man ein Unternehmen gründet. Vor ihnen: Schüler, kaum jünger als sie selbst. Hinter ihnen: ein Weg, der vom Schulhof bis zu einem Gespräch mit dem Ministerpräsidenten führte.

Wie alles begann

Zurück zum Anfang: Sommer 2023, Studienfahrt nach Bayern. Zwei Abiturienten, die sich kaum kennen, landen zufällig im selben Zimmer. „Nach fünf Minuten war klar, dass wir ein Unternehmen gründen werden“, erinnert sich der heute 20-jährige Leonard Müller. Noch am selben Abend diskutieren sie über Geschäftsmodelle, Finanzierung und digitale Trends.

Zurück in Gräfenhainichen machen sie ernst. Sie suchen auf ihren Handys lokale Unternehmen mit veralteten Webseiten. Dann ziehen sie los, klopfen an Türen und stellen sich persönlich vor. Zwei Schüler mit einer Idee, aber ohne Kapital. Zwei Betriebe winken ab. Beim dritten Versuch, einer Zahnarztpraxis, haben sie Erfolg. Der erste Kunde ist gewonnen. „Und dann war die Pause vorbei“, erzählt der 21-jährige Jan Richter rückblickend und lacht.

Mit diesem Auftrag begann die eigentliche Arbeit. Der Zahnarzt, der ihnen vertraute, stellte sie kurzerhand als Minijobber ein. Plötzlich mussten die beiden liefern. Pünktlich, professionell, überzeugend. „Wir hatten keine Ahnung, wie viel Arbeit das werden würde“, sagt Müller. Nachmittage, Abende, Wochenenden verbrachten sie vor ihren Laptops, schauten Tutorials und designten die Webseite von Grund auf. Schritt für Schritt brachten sie sich alles selbst bei.

Reiner Haseloff und Leonard Müller, Leonard Müller und Jan Richter vor ihrem Büro

Firma und Abitur gleichzeitig

Das verdiente Geld legten sie beiseite, als Kapital für ihr eigenes Unternehmen. Während ihre Mitschüler über Matheformeln und Gedichtanalysen schwitzten, füllten Müller und Richter Gründungsunterlagen aus. „In der Prüfungszeit saßen wir sogar beim Notar“, erinnert sich Richter. Am 12. Juni 2024 war es so weit: Ihr Unternehmen „Website Excellence Builders UG“ wurde offiziell gegründet und im Handelsregister eingetragen.

Was mit einfachen Internetseiten begann, wuchs schnell zu einem vielseitigen Digitalunternehmen heran. Heute bieten die beiden Junggründer nicht nur Webdesign an, sondern auch Datenschutzberatung mit einem Partner, Social-Media-Betreuung und digitale Schulungen. Ihr Fokus liegt inzwischen aber auf Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz. Also auf Lösungen, die alltägliche Arbeit vereinfachen sollen.

Einer ihrer ersten KI-Prototypen war ein Chatbot für Handwerksbetriebe. Das System kann Kunden beraten, Termine koordinieren und sogar Kostenschätzungen erstellen. „Viele Handwerker haben einfach keine Zeit, ständig ans Telefon zu gehen“, erklärt Richter. „Unsere Lösung nimmt ihnen Routineaufgaben ab. “Wie gut das funktioniert, zeigt ein Beispiel: Der Landschaftsbaubetrieb Kühn aus Jessen setzt den Chatbot bereits ein. Mit erstaunlichem Ergebnis. „In nur drei Monaten kamen Anfragen im Wert von 120.000 Euro zusammen“, berichtet dessen Geschäftsführer Robert Kühn.

KI soll Mitarbeiter nicht ersetzen

Sie haben aber auch einen Telefonassistenten, der automatisch Anrufe annimmt, beratet und Termine vereinbart. Für Müller und Richter ist das keine Spielerei, sondern eine Antwort auf den Fachkräftemangel. „KI ersetzt keine Jobs, sie entlastet Menschen“, betont Müller. „Sie schließt Lücken, wo Personal fehlt.“

Trotz ihres Erfolgs haben die beiden Jungunternehmer den Kontakt zur Region nie verloren. Sie engagieren sich bei den Wirtschaftsjunioren Wittenberg, wo Jan Richter inzwischen als Kreissprecher aktiv ist. Gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau gehen sie regelmäßig an Schulen, um über Unternehmertum, Digitalisierung und Mut zum Gründen zu sprechen. Auch an ihrem ehemaligen Gymnasium waren sie zu Gast. Diesmal gemeinsam mit dem Bürgermeister. Der Höhepunkt des Besuchs: ein kurzer Abstecher ins Lehrerzimmer. „Das war doch früher für jeden ein Kindheitstraum“, sagt Müller schmunzelnd.

Ihre Ideen sind inzwischen so groß, dass sie auch die Politik neugierig machen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) besuchte die beiden in ihrem Büro in Wittenberg. Thema des Gesprächs: eine sogenannte „After-Life-KI“ – eine Art digitales Gedächtnis, das das Wissen ausscheidender Mitarbeiter speichert und für kommende Generationen verfügbar macht. Haseloff betonte: „Durch den Generationenwechsel geht viel Know-how verloren.“

Zwei Jahre. Mehr brauchten Leonard Müller und Jan Richter nicht, um den Weg von der Hofpause zum Gespräch mit dem Ministerpräsidenten zu gehen. Sie hatten keine großen Kontakte, kein Startkapital. Nur eine Idee und Lust, sie umzusetzen.

Weitere Informationen unter: https://www.web-wb.de/

© Fotos: Lohrmann

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