Halle
„Disco ist das Genre, in dem ich mich befreien kann“
Deslin Ami Kaba

Juliane Graichen, Projektleiterin
Foto: Denny Kleindienst
Wer sie trifft, merkt gleich: Musik bedeutet ihr mehr als reine Tonabfolgen. Deslin Ami Kaba verbindet mit ihrem Gesang emotionale Verarbeitung, Ausdruck und nicht zuletzt politische Repräsentation. So tickt die Newcomerin aus Halle.
Von Thisbe Westermann
Halle/MZ. - Sie kann sich noch erinnern: Im Objekt 5 habe sie damals ihr erstes Konzert gehört. Jetzt, an einem Tag Ende September, steht sie selbst auf dieser Bühne. Wenige Stunden vor dem Auftritt bereiten sich Deslin Ami Kaba und ihre Band vor. Soundcheck, Verpflegung und Styling stehen noch an – für ein kurzes Gespräch hat sie trotzdem Zeit.
Eine Jugend in Halle
Auf der Kommode im Bad der Veranstaltungslocation steht alles bereit. Freundin Tea, die Deslin Ami Kaba bei jedem Auftritt begleitet, steht hinter ihr – wortwörtlich. In diesem Moment ist sie für die Frisur zuständig.
Üblicherweise reden Menschen, wenn ihnen gerade von anderen die Haare geföhnt werden, über das Wetter, den jähen Arbeitstag und mal über den Verkehr. An diesem Abend erzählt die Sängerin von ihrer Jugend in Halle und wie es ist, sich als Schwarze Frau in der deutschen Musikbranche zu etablieren.
Gesangsausbildung bei der Oper Halle
Gesungen habe sie schon ihr ganzes Leben, professionell jedoch das erste Mal in der Oper Halle. Aus der Zeit habe Kaba viel mitgenommen, gerade stimmlich und technisch. Sie könne vom Blatt singen und nach vielen Jahren Chor habe sie auch ein gutes Gehör entwickelt.
„Aber für mein Selbstwertgefühl“, sagt sie, „hat es nicht so viel getan, sondern war eher hinderlich“. In dieses Setting, so Kabas Gefühl, habe sie nicht reingepasst, ihr Typ sei nicht gefragt gewesen. „Als ich dort aufgehört habe, habe ich immer gedacht: Ich bin einfach nicht gut genug.“
Inspiriert von Filmen und von Pop-Ikonen
Weniger also das hallesche Umfeld, als Filme und Pop-Ikonen ihrer Jugend seien inspirierend für sie gewesen. So hätten Sängerinnen wie Beyoncé, Joy Denalane oder Whitney Houston eine große Rolle in ihrem Aufwachsen gespielt. „Ich dachte, vielleicht kann ich das auch schaffen“, erinnert sie sich. Trifft man Kaba, fragt man sich, wieso man Kindheitsträume aufgeben sollte, wenn man ihrer Realisierung als erwachsene Person doch viel näher ist.
Wie ihre Vorbilder möchte Kaba insbesondere „eine Musikerin sein, mit der man sich identifizieren kann, weil ich das sage, was viele fühlen und erleben“. Dabei ist sie hochambitioniert, denn „musikalisch“, sagt sie, „möchte ich alles aus mir und der Band rausholen, was geht“.

So startete ihre Solo-Karriere
Ihre Solo-Karriere nahm erst in Erfurt Fahrt auf, wohin sie für das Studium zog. Hätte Kaba gerne Jazz und Pop studiert, hat sie sich schließlich für Staatswissenschaften eingeschrieben: „Ich dachte, es wäre schon schlau und gut, Personen wie mich in entscheidenden Positionen zu haben, weil es zu wenig Schwarze Frauen gibt, die sowas machen.“
Neben dem Studium habe sie angefangen wieder Musik zu machen, weniger Klassik und Musical, dafür Jazz und Soul. Bei einem dieser Konzerte – dazu muss man wissen, dass Kaba jeden Auftritt genau datieren kann – seien Freunde ihres zukünftigen Produzenten auf sie aufmerksam geworden.
Zwischen Disco und Soul
Der Produzent „Cyan85“ habe sie in der darauffolgenden Zusammenarbeit aber noch auf eine andere Musikrichtung gebracht. Eine, bei der Deslin Ami Kaba selbst sagt: „Disco ist das Genre, in dem ich mich am meisten befreien kann. Da kann ich mich ausdrücken und meine Stärken und meine Leidenschaft am Singen am besten rüberbringen.“
Hinzu komme, dass viele ihrer musikalischen Vorbilder – vordergründig Frauen – diese Art von Musik gemacht haben und Disco als Stil in der Schwarzen Musikgeschichte tief verankert sei.
„Musik ist mein Weg, um mich frei zu machen“
Die Musik, das wird schnell deutlich, ist ihr Medium der emotionalen Verarbeitung. „Ich habe in Halle gewohnt, in Erfurt und in Leipzig – ich habe Ostdeutschland einfach durchgespielt und da passieren einem halt viele Sachen. Die Musik ist mein Weg, um damit klarzukommen und mich frei zu machen“, erklärt Kaba.
„Das Singen ist alles für mich“. Ihre Songs sollen jedoch nicht nur ihren Gefühlen Ausdruck verleihen, sondern auch anderen Menschen eine Stimme geben – das sei ihr wichtig. „Wenn ich schon nicht in einem sozialen Beruf arbeite, dann ist das meine Art, etwas zurückzugeben.“
Sind die Haare in Locken gedreht, geht es nun kurzerhand zum Soundcheck eine Treppe weiter runter. Ihr Song „Endless Pleasure“ wird angespielt, wobei Deslin Ami Kabas kraftvolle Stimme gleich mit sieben Instrumenten mithalten kann. Man kann sich direkt vorstellen: Das wird ein Gute-Laune-Konzert zum Tanzen.
Welche musikalischen Projekte kommen als nächste?
Die Probe ist schnell beendet, immerhin ist die Band gut eingespielt. Und das, obwohl ein Teil der Songs ursprünglich nur am Computer produziert wurden. Beides möchte sie auch in Zukunft weiter bedienen: die Live-Auftritte mit ihrer Band, aber auch die Produktion im Studio soll weitergehen.
Auf die Frage, worauf man sich von ihr als nächstes freuen könnte, bleibt Kaba vage: „Eine EP vielleicht, vielleicht auch mehr als das.“ Fest steht für sie jedoch, dass es etwas Besonderes werden soll. Doch alles zu seiner Zeit. An diesem Abend zählt das Publikum – immerhin ist das Konzert ausverkauft.
© Fotos: Hanna Schabacker


