Burgenlandkreis
Stark für die Heimat
Eric Stehr

Juliane Graichen, Projektleiterin
Foto: Denny Kleindienst
Wie Eric Stehr aus Weißenfels mit Anfang 20 eine Initiative gegründet hat und sich damit für den Zusammenhalt in seiner Heimatstadt einsetzt.
Von Lena Winkler
Dass Eric Stehr heute noch in Weißenfels lebt, hätte er als Jugendlicher wohl selbst nicht erwartet. Doch als er während seines Abiturs in den Weißenfelser Stadtrat gewählt wird, entscheidet er sich – im Gegensatz zu vielen seiner Klassenkameraden – in der knapp 40.000-Einwohner-Stadt im Süden Sachsen-Anhalts zu bleiben – und dort etwas zu bewegen.
Mit Suppe in der Innenstadt
Im Herbst 2022 entsteht inmitten von Energiekrise und Inflation in dem damals 21-Jährigen Eric ein Gedanke: „Ich habe eine wachsende soziale Spannung und Unruhe in der Stadt wahrgenommen und wollte etwas dagegen unternehmen, wollte helfen“, berichtet Eric, der nach dem Abitur zwar ein Studium der Urbanistik an der Bauhausuniversität in Weimar beginnt, jedoch wegen seiner Tätigkeit im Stadtrat auch einen Wohnsitz in Weißenfels behält. „Projekte wie die ,Küche für alle’ kannte ich bereits aus dem universitären Kontext“, berichtet Eric, der sich dieses Konzept auch gut in seiner Heimatstadt vorstellen kann.
Wenig später steht er gemeinsam mit einigen Helfern in der Weißenfelser Innenstadt und bietet zum ersten Mal Suppe an – kostenlos oder auf Spendenbasis. „Am Anfang waren die Leute erstmal skeptisch, viele kannten mich natürlich nur als Stadtrat“. Was zunächst bei den zuständigen Behörden als politische Versammlung angemeldet wird, möchte Eric jedoch künftig von seiner Arbeit in der Partei „Die Linke“ trennen und gründet daraufhin mit seinem Parteikollegen Matthias Baum die Stadt.Raum-Initiative. „Ich wollte dort nicht als politische Person stehen, sondern ein Angebot für alle schaffen“.
Und dieses Angebot scheint bei den Weißenfelsern gut anzukommen. „Um die 150 Portionen pro Termin gehen mittlerweile über den Tresen“, berichtet Eric: „Angefangen haben wir vielleicht mit 30 Portionen“. Diese gehen mittlerweile jeden zweiten Samstag im Monat vorrangig an Rentner, Obdachlose, aber auch Touristen. „Das ist wirklich ziemlich bunt gemixt“, berichtet der heute 24-Jährige. Besonders freue er sich über die Dankbarkeit, die ihm bei seiner Arbeit entgegengebracht wird: „Wirklich alle Leute spenden etwas – selbst die, die eigentlich gar nichts haben.“

Der erste CSD im Landkreis
Doch die „Küche für alle“ ist längst nicht das einzige Projekt, was Eric am Herzen liegt. Seit mehreren Jahren lebt der Weißenfelser offen schwul, was in seiner Heimat jedoch nicht von allen akzeptiert wird. „Ich wurde früher regelmäßig allein dafür angefeindet, Nagellack zu tragen“, berichtet der 24-Jährige. „Aber auch abseits der Großstädte gibt es viele Menschen die queer sind und queer leben möchten. In meiner Jugend hat mir da nur schlichtweg die Repräsentation vor Ort gefehlt“, erzählt Eric weiter. Um das Thema deutlicher in die Öffentlichkeit zu bringen, startet er schließlich über Instagram einen Aufruf – und organisiert wenig später mit einigen Freiwilligen den ersten Christopher-Street-Day (CSD) im Burgenlandkreis.
„Dieser erste CSD 2023 in Weißenfels war die größte Veranstaltung, die ich bisher gemacht habe. An diesem Tag stand ich dauerhaft unter Adrenalin“, berichtet Eric. Das mag wohl auch daran liegen, dass die Veranstaltung damals von rechtsextremen Störern begleitet wird. „Wir waren leider einer der unsichersten CSDs in diesem Jahr“, räumt Eric ein. Bereits im Vorfeld hatten verschiedene rechte Gruppierungen Gegenveranstaltungen angekündigt und Teilnehmer des Festumzugs angefeindet. Nur durch die Absicherung der Polizeikräfte vor Ort haben die rund 700 Teilnehmer in Weißenfels weitgehend friedlich feiern können.
Von den Vorkommnissen bei diesem ersten CSD in Weißenfels lassen sich Eric und sein Team jedoch nicht abschrecken und organisieren weitere CSDs im Kreis – im August 2025 bereits zum dritten Mal.
Aus dem Organisationsteam hat sich Eric mittlerweile allerdings zurückgezogen. Für ihn stehen mit der Stadt.Raum-Initiative aktuell andere Projekte auf der Agenda, so der 24-Jährige.
Für eine starke Stadtkultur
Denn mehr als drei Jahre nach Gründung der Stadt.Raum-Initiative ist deren ehrenamtliche Arbeit aus der Saalestadt im südlichen Sachsen-Anhalt kaum mehr wegzudenken. Neben der „Küche für alle“ stellt Eric mit rund 30 weiteren Ehrenamtlichen gemeinschaftliche Kochabende auf die Beine, nimmt an Pflanzaktionen teil, um das Weißenfelser Stadtbild zu verschönern und organisiert Straßenfeste für kulturellen Austausch. „Die Initiative hat wirklich viele Leute ins Ehrenamt geholt“, freut sich Eric, der für sein Engagement mit der Stadt.Raum-Initiative 2023 sogar mit dem „Ehrenamtspreis des Landtags“ ausgezeichnet wird.
Mittlerweile steht Eric kurz vor seinem Studienabschluss. Wie es danach für ihn weitergehen soll, weiß der 24-Jährige noch nicht genau. Klar ist jedenfalls, dass ihn das Ehrenamt in seiner Heimatstadt Weißenfels hält. „Was ich hier alles aufgebaut habe, möchte ich auf keinen Fall einstürzen lassen.“
© Fotos: Vincent Grätsch


